Filmkritiken
«Une Estonienne à Paris»
Das Spiel der Grande Dame

Anna (Laine Mägi, links) und die kapriziöse Frida (Jeanne Moreau) finden nur allmählich zueinander.
Patrick Straumann
Kann sich ein Film seiner epochalen Zuordnung entziehen? Ilmar Raag, der estländische Regisseur von «Une Estonienne à Paris», scheint das Experiment auf jeden Fall zu wagen und illustriert seine Geschichte, die wohl allenfalls nach dem Mauerfall eine soziale Brisanz besass, mit Stilmitteln, die aus dem Autorenkino der sechziger Jahre stammen könnten. Die Flucht aus der Zeit ist weder eine Qualität noch ein Makel, sie verändert jedoch die Perzeption des Werks: Kontext und Setting verlieren ihren dokumentarischen Charakter und werden zum stummen Dekor, das die Handlung umgibt. Der mangelnde Zugriff auf die Gegenwart hat vermutlich auch den internationalen Verleihtitel motiviert, der den Film als «A Lady in Paris» ins Ungefähre hebt: Tatsächlich zielt der innere Kompass des Dramas weniger auf Fridas Nationalität als auf die Tatsache, dass diese, eine herrische, bisweilen diktatorisch agierende betagte Dame, jeden Augenblick in einer bodenlosen Depression zu versinken droht. [ weiter ]














