Filmkritiken

Hochgelobt aber bloss pervers

«Elle» von Paul Verhoeven sollte das Porträt einer selbstbewussten Femme fatale sein. Stattdessen ist ein fragwürdiges Sex-und-Gewalt-Spektakel daraus geworden.

Thriller mit Isabelle Huppert.

Sex ist ihre Waffe. Sie sind schön, unterkühlt, intelligent. Sie sind selbstbestimmt und wollen Macht: die Femmes fatales. Das Kino war kaum erfunden, schon verfiel es diesem ausserordentlichen Typus Frau, dem Gegenstück zur Hausfrau und Mutter. Theda Bara, Greta Garbo, Hedy Lamarr spielten die ersten berühmten Vamps und Verführerinnen. In den vierziger Jahren, der Zeit des Film noir, folgten Marlene Dietrich, Lauren Bacall, Rita Hayworth, um nur einige wenige zu nennen. Man sagt, die Beliebtheit dieser tödlichen Schönheiten sei die Antwort des Kinos auf die Angst der Männer vor der Befreiung der Frauen, vor der Unabhängigkeit, die sie während des Zweiten Weltkriegs entwickelt hatten.

Schön, intelligent, kalt und gefährlich – das ist auch Michèle (Isabelle Huppert), die Hauptfigur in Paul Verhoevens neustem Film «Elle», der auf dem Roman «Oh . . .» von Philippe Djian beruht. Obwohl die Hauptfigur über die Attribute des Vamps verfügt, hat sie mit der Männerphantasie der Femme fatale nichts zu tun. Verhoeven macht vielmehr eine Karikatur aus dieser. Ihre Unabhängigkeit und Selbstbestimmung sind blosse Behauptung. Ihre Sexualität, die wichtigste Waffe der gefährlichen Frau, wird pathologisiert und damit wertlos. [ weiter ]

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